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Wie funktionieren moderne Hierarchien bei einer Grossfirma wie AXA?

Die AXA ist Platinum-Sponsor der Front Conference 21.
Wir haben nachgefragt, wie es ist, in einer grossen Versicherung zu arbeiten, was dabei Agilität bedeutet und wie der Arbeitsalltag einer Designer:in oder Entwickler:in aussieht.

AXA Versicherungen AG

Rund zwei Millionen Kundinnen und Kunden in der Schweiz vertrauen auf die Expertise der AXA in der Personen-, Sach-, Haftpflicht-, Rechtsschutz- und Lebensversicherung sowie in…

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Wie läuft der Bewerbungs-Prozess bei der AXA für ein:e Designer:in oder Entwickler:in ab?

Christian Juen: Es gibt mindestens zwei Interviews. Das erste mit dem zukünftigen Vorgesetzten, dem Recruiter aus dem HR und einem zukünftigem Teammitglied. Das ist ein Kurzinterview und es geht vor allem darum zu prüfen, ob der Kandidat von der Person her (Verhalten) in die AXA und das Team passt. Das zweite Interview findet mit dem Team statt. Da geht es um die fachlichen Skills.

Seit der Pandemie bieten wir sowohl persönliche, als auch digitale Bewerbungsgespräche an. Aktuell finden alle Bewerbungsgespräche remote mit Kamera statt. Wenn es die Situation zulässt, ist es aber von grossem Vorteil, wenn zumindest das zweite Gespräch vor Ort stattfinden kann. Dabei ist jeweils ein Grossteil des Teams involviert. Manchmal wird auch ein drittes Treffen organisiert.

Wie wichtig ist euch der Lebenslauf einer Bewerber:in?

Christian: Es ist wichtig als Eingangsticket. Das ist der erste Kontakt, der ein Bewerber:in mit der Unternehmung hat. Dementsprechend soll das CV auch gestaltet sein.

Was bedeutet Agilität bei der AXA? Folgt ihr einem Prinzip wie zum Beispiel Scrum oder Holacracy?

Jegliche Prozesse sind bei uns auf das agile Vorgehen abgestimmt oder werden noch darauf abgestimmt.

Christian: Wir leben Agilität seit 2016 in konsequenter Weise. Wir leben sie nicht nur im Team, sondern auch in skalierter Form. Da haben wir Elemente aus dem Framework von SAFe und LeSS, aber auch viel eigenes, das wir auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten haben und vor allem bezogen auf die existierenden Frameworks weiterentwickelt haben. Jegliche Prozesse sind bei uns auf das agile Vorgehen abgestimmt oder werden noch darauf abgestimmt. Das betrifft jegliche administrativen HR-Prozesse, wie aber auch die Initiierung, Steuerung und Umsetzung von jeglichen Vorhaben.

Wie funktionieren moderne Hierarchien bei einer Grossfirma wie AXA?

Christian: Auch die AXA Schweiz hat nach wie vor Hierarchien. Allerdings wurden Hierarchiestufen entfernt und vieles wird mittlerweile im Consent-Verfahren entschieden. Wir haben in unserem Methodikkasten eine sogenannte Wetterkarte. Bei Schönwetter werden die Entscheide fast ausschliesslich dezentral getroffen (dort wo das Know-How ist), bei Sturm vermehrt in der Pyramide der Hierarchie.

Hat die neue agile Arbeitsform die Unternehmenskultur verändert?

Christian: Massiv, wobei wie bereits erwähnt, haben wir bei der Ausgestaltung der neuen Prozesse auch etwas auf die bestehende Kultur Rücksicht genommen. Der Prozess der Veränderung der Unternehmenskultur ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Um eine DNA einer Unternehmung zu verändern, braucht es sehr viel Zeit und Energie. Obwohl wir im Vergleich zu vielen anderen Grossfirmen schon sehr weit sind, stehen wir zwar nicht mehr am Anfang, aber mitten drin.

Welche Kompetenzen sind in einem agilen Umfeld besonders gefragt?

Christian:

  1. Kommunikationsfähigkeit: zuhören können, andere verstehen und sich austauschen wollen
  2. Lernbereitschaft & Neugier: wir bewegen uns in einem sich schnell verändernden technologischen Umfeld. Es ist daher essenziell, dass man sich gerne in neue Technologien und Programmiersprachen einarbeitet
  3. Innovationsbereitschaft: neu denken, altes hinterfragen, immer nach verbesserten Lösungen suchen,
  4. Verhalten: sich vernetzen, integrierend wirken, zur Perspektivenvielfalt beitragen, aktiv Feedback geben und einfordern und teamübergreifend handeln
  5. Teamfähigkeit: Themen, die im Team nicht optimal funktionieren, ansprechen und proaktiv zur Lösung beitragen

Was bedeutet Agilität für den Arbeitsalltag einer Designer:in oder Entwickler:in?

Für mich (die Antwort eines Frontend-Entwicklers) bedeutet es in erster Linie effektivere Entwicklung. Zum Beispiel, direkte Kommunikation mit den Personen, die wissen was zu machen ist. Viel häufigere Releases mit kleineren Änderungen einspielen. Entwickler:innen und Designer:innen dürfen sich selber um die Teamentwicklung kümmern, denn jede:r trägt für eine tolle Teamdynamik bei. Natürlich erhalten sie Unterstützung vom Agile Master und vom People Developer (Vorgesetzer), aber sie müssen einen sehr aktiven Part spielen.

Was bedeutet bei euch die agile Fehlerkultur?

Frontend-Entwickler: In einem Produkt Team und bei der Entwicklung ist für mich ein Fehler, eine Möglichkeit zu wachsen und mich zu verbessern. Gutes Beispiel ist «Schach Meister»: der/die beste Schachspieler:in ist nur so gut geworden, weil er/sie immer gegen bessere Spieler:innen verloren hat.
Bei der Applikation myaxa hingegen, heisst das wir können schneller Funktionen veröffentlichen und haben somit eine grössere Toleranz, bei Features-Einführungen (selbstverständlich muss die Grundfunktionalität funktionieren). Fehler machen gehört zum Alltag und bietet die Chance daraus zu lernen.

Fehler machen gehört zum Alltag und bietet die Chance daraus zu lernen.

Wie wirkt sich das agile Mindset und die Flexibilität auf Home-Office Regelungen und Teilzeitstellen aus?

Christian: Agilität und Flexibilität sind zwei unterschiedliche paar Schuhe und wird vielfach verwechselt. Agilität heisst sehr viel Disziplin, aber viel schneller reagieren und lernen können, da unter anderem viel schnellere Feedback-Loops etabliert sind. Das optimale Setup ist, alle arbeiten 100% und gemeinsam im gleichen Raum. Das ist aber nicht die Realität und passt auch nicht in ein modernes Arbeitsbild (Teilzeit arbeiten). Daher gilt es teamübergreifend eine optimale Balance zwischen der persönlichen Effizienz (zuhause arbeiten) und der Teameffektivität (gemeinsam vor Ort Themen mit verschieden Perspektiven zu bearbeiten) zu finden. Und das ist bei uns möglich. Mit unserem Smartworking Modell wird genau das gefördert.

Das Interview wurde mit Christian Juen, Head Product Studio bei AXA durchgeführt.